Lieber Frederick
Gestern bin ich dem Rat einer deiner zahlreichen Theorien gefolgt. Und was soll ich dir schreiben, es hat sich gelohnt. Dafür danke ich dir vielmals. Aber der Reihe nach. Wie du bereits weißt, bin ich ein wenig schüchterner Jüngling, der seine Freude normalerweise kaum in Zaum halten kann, aber bei dieser einen Dame muss es jedem anständigen Mann die Sprache verschlagen. Sie gehört zweifelsohne zu der Sorte, die alleine durchs Leben geht, weil sich keine Männerseele traut, sie anzusprechen. Ich habe es nach wochenlanger Grübelei gewagt. Und wie du mir mit auf meinen Weg gegeben hast, habe ich sie in unser örtliches Theater eingeladen, um zu sehen, ob sie an den gleichen Stellen lacht und sich zur gleichen Zeit mit ihrem Taschentuch über die Augen wischt. Sie hat sich ordentlich für die Einladung bedankt, wie es sich für eine prinzessinnengleiche Krone der Schöpfung geziemt. Und auch beim obligatorischen Streit um die Armlehne, konnten wir uns auf ein Maß einigen, das für das erste Rendevouz unbedenklich genug war, aber trotzdem latente Erwartungen in uns aufflammen ließ.
Die Reklame, die du sicher auch aus deiner Heimat gut kennen wirst, lasse ich bei meiner Erzähung galant aus und springe gleich zum Hauptfilm, da ich dir die Spannung nicht unträglich machen möchte. Die Aufregung wallte in uns Zweien, da sich die obersten Glieder unserer Gesellschaftsfinger nach einer Berührung verzehrten, doch, und das wirst du in deinem jugendlichen Laissez-faire sicher verunglimpfen, wir blieben standhaft. Dann teilte sich der karmesinrote Schleier, bis er die komplette Leinwand freigab, der Pojektionist mit dem fiebernden Publikum ein einsehen hatte und die Filmrolle in ihre rotierende Bahn brachte. Da du die Intouchables, wie er in deinem Land betitelt wird, nicht sehen konntest, werde ich, du verzeihst mir, näher auf die Essenz dieser Komödie eingehen, bis ich dir den Ausgang unseres Abends auf einem Silbertablett gredenzen werde.
16 Millionen Fliegen mögen nicht irren, und ja, auch in mir haftete dieser Gedanke, ob dessen, was man in der Presse von dem medialen Erdrutsch lesen durfte, den diese Komödie bei euch, in der Grande Nation, auslöste. Aber da unsere beiden Heimaten nicht nur durch den Rhein, sondern auch durch die Mentalität, die uns innewohnt, getrennt werden, hegte ich Zweifel. Zweifel, die sich im Nachhinein als ungerechtfertigt herausstellten. Alleine die Anfangsszene lässt einen das Herz in den Gaumen fahren und über die Stimmbänder seine Meinung kundtun. Mit einem flüchtigen Blick urteilte ich, dass meine Begleitung ähnlich fühlen musste, denn sie wippte mit ihrer Nasenspitze im Takt der sens-bien Musik. Ich entschuldige mich für den Fall, ich möge dir zu viel vorweggreifen, doch das filmische Zeugnis, dem wir beiwohnen durften, verfuhr auf ähnliche Weise.
Stelle dir einen deiner Landsmänner vor, der im Arbeiterviertel aufgewachsen ist und dort für seine Zukunft nachhaltig geprägt wurde. Durch all die schonungslose Härte, die den dort Lebenden von eurem Gouvernement entgegengebracht wird. Arbeitslosigkeit, Armut, all das, was wir zwei, Gott sei Dank, nie erleben mussten. Dieser trifft, durch das Eingreifen des Arbeitsamtes auf seinen Konterpart. Reich, die Renaissance verehrend und an den Rollstuhl gefesselt. Unser Hirn, das von harschen Vorurteilen bevölkert wird, gibt diesen beiden keine Chance, aber der ehrliche, selbstbewusste, junge Einwanderer sieht in dem älteren das, was er unbestreitbar ist. Einen Menschen. Und auch auf dem Gedankenweg zurück, sieht der halsabwärts gelähmte Geschäftsmann nur einen Menschen vor sich. Einen Menschen, der kein Mitleid mit ihm zeigt und ihn so behandelt, wie er es sich stets von seinem Umfeld wünscht. Und allen Unkenrufen der Gesellschaft zum Trotz, entwickelt sich aus dieser wahren Begebenheit, eine tragikomische Freundschaft fürs Leben.
Und aus der Bildfolge, die diese Freundschaft auf die Leinwand, durch geöffnete Augen, in unseren Denkapparat befördert, entfaltet sich eine bewegende Komödie mit leicht dramatischen Elementen, die sich alleweil mit einer unprätentiösen Menschlichkeit umgibt. Doch, und jetzt darfst du gerne deine Lachfalten bemühen, ob der Ironie, die sich dir auftuen wird: das Zeugnis dieser Verbundenheit war zu amüsant, als dass ich mir ein Urteil über meine Begleitung zu bilden vermochte. Mein Ziel, auf deinen Beistand hin, war es die Momente zu analysieren, in denen sie einen mir ähnlichen Humor zeigte, jedoch, das frage ich dich in aller Ernsthaftigkeit, wie sollte mir das gelingen, wenn jeder aus dem vollgefüllten Saal in Gelächter ausbrach. Hier wurde etwas geschaffen, das sich über Konventionen hinwegsetzt und einen schmerzlosen Humor herzaubert, über den man wohl auf der gesamten Welt seine Freude zeigen wird.
Ich habe mich nicht getraut nur einen einz´gen Schluck meines Tafelwassers in meine Kehle hinabgleiten zu lassen, da ich pausenlos in der Angst auf meinem Sitz festklebte, eine wiehernde Lachsalve loszutreten. Und, so viel sei dir gesagt, diese Angst war berechtigt und wurde ein ums andere Mal bestätigt. Du, als angehender Arzt, verschreibst Tabletten gegen Depression, dabei sah ich die Lösung hierfür mit meinem eigenen Sehvermögen. Glaubst du mir, wenn ich betone, dass ich niemanden kenne, der sich vor der Wirkung dieses Werkes verschließen konnte? In der Tat war es mir nicht möglich einen Menschen in meinem näheren Umfeld zu finden, der sich in die Sonne stellte, um einen dunklen Schatten über das zu werfen, was ich dir hier beschreibe. Ich liege nieder, diktiere meiner Haushälterin diesen Wortschwall und hoffe inbrünstig, dass er auch nur zu einem geringen Fragment das widerzuspiegeln in der Lage ist, was mich den Abend beschwingt hat ausklingen lassen.
Geschenkt, wirst du entgegnen, habe ich doch eine wunderschöne Gefährtin mein Eigen nennen dürfen. Sofern das deine lautlosen Worte beschreibt, erinnere dich an den Anfang meines Schreibens. Obwohl ich durch die knappen zwei Stunden, an deren Ende ich mir wünschte, der Film sei nochmals eine volle Zeigerumdrehung länger, keine Gewissheit erlangen konnte, was die Kompatibilität zu meiner Parnerin betrifft, so durfte ich darüber nach dem Verlassen des kleinen Cinémas widerstrebend Kenntnis erlangen. Ich gräme mich ihre ungeschöhnten Worte zu Papier zu bringen und dich daran teilhaben zu lassen, aber meine Geschichte ist unvollständig ohne das bittere Ende, das die unschöne Wahrheit offen legt.
Haha, das war ja mal ein geiler Schinken, vor allem wie der Neger sich über den Krüppel lustig gemacht hat, war der Wahnsinn, oder? Jetzt hab ich Bock auf was zu fressen und dann können wir von mir aus rummachen.
Beschämend muss ich dir offenbaren, dass ich ihre letzte Offerte nicht ausgeschlagen habe. Jedoch sei dir nochmals gesagt, dass dies nicht das Kernstück, des Schauspiels ausmacht, geschweige denn irgendeinen Teil dessen beschreibt, was alle anderen Zuschauer mit Frohlocken aufnahmen. Es sei dir wärmstens empfohlen eine Kopie der Filmrolle zu erwerben, denn daran dürftest du dich oftmals mit wallendem Entzücken laben. Und wie du siehst, ist auch das weibliche Geschlecht nicht davor gefeit ihr Wohlgefallen in Begierde zu kultivieren.
Nähmen wir an, dies sei eine kritische Auseinandersetzung mit dem filmischen Produkt, dem ich beiwohnen durfte, so sei meine Konklusio, dass hier alles zu meiner größtmöglichen Zufriedenheit gestaltet wurde. Von der musikalischen Untermalung, bis zur bildlichen Darstellung, von den traurigen Momenten, bis zu den komödiantischen, derer ich seit langer Zeit nicht mehr eine solche Vielfalt bewundern durfte. Ein wunderschönes Stück Menschlichkeit, gespielt von wunderbaren Schauspielern, verpackt in einer Pralinenschachtel, bei deren Verzehr deine großen Augen von Freudentränen flankiert werden. Und im Gegensatz zu meiner Zungengespielin ist dies etwas, das sich lohnt wiedergesehen zu werden. Ich verspreche es dir.
In freundschaftlicher Liebe,
Dein Horst-Kevin



Normaler Kommentar hätte es auch getan, war anstrengend zu lesen, aber wie ichs dir versprochen habe, oder etwa nicht?
Keine Sorge, es folgen auch wieder unbeschwertere Texte, aber ab und an werden wir unserem Slogan der “etwas anderen Filmkritiken” gerecht.
Ohja, du hattest vollkommen Recht, die Komödie des noch jungen Jahres! So viele gute Lacher werden schwer zu toppen sein.