Nominiert für 10 Oscars. Aber macht das einen Film besser? Das nicht, aber er bekommt mehr Aufmerksamkeit und spült demzufolge mehr Geld in die Kassen. Über den Oscar selbst, speziell denjenigen für den beste Film, darüber kann man sich wie gewohnt streiten. Das letzte Jahr, in dem ich mit der Jury-Entscheidung, was Best Motion Picture of the Year angeht, übereinstimmte, war 2004. In all den anderen Jahren hätte ich mir nicht nur einen anderen Preisträger vorstellen können, sondern hätte es einen verdienteren Sieger gegeben. Dennoch wurde auch ich bei the Artist von den vielen Nominierungen angelockt und habe mir den schwarz-weiß Stummfilm angeschaut. Ich wiederhole nochmal für alle: schwarz-weiß Stummfilm.
Handlung?
Vordergründig handelt die erzählte Geschichte von einem Stummfilmhelden, gespielt von Jean Dujardin, der eine neue Leinwandheroine entdeckt, dargestellt von Bérénice Bejo. Als Ende der 20er Jahre der Tonfilm für Furore sorgt und die Stimmlosen in die Versenkung jagt, kann sich nur Zweitere mit dem neuen Engagement arrangieren. Der Hauptdarsteller verfällt in Depressionen, aus denen er auch durch die in ihn verliebte Protagonistin nicht herausgeholt werden kann. Das unausweichliche Ende scheint nah.
Im Hintergrund spiegelt sich eine Parabel über die Entwicklung des Films wider. Und, wenn man genau nachdenkt, nicht nur über den Film, sondern über den Fortschritt, und dem Umgang mit diesem, an sich.
Filmbeschreibung
Vor allem bei hochgelobten Produktionen, erdreiste ich mich eine differenziertere Herangehensweise an den Tag zu legen, da man bereits überall lesen kann, wie gut das Gesehene war. Wobei die Zielgruppe nur ältere Damen und Herren zu sein scheinen, deren Geburt möglichst nahe an dem Verfallsdatum des Stummfilms liegt. Deswegen versuche ich nun das Phänomen aufs Beste zu entschlüsseln und, wenn das farb- und tonlose Schauspiel es wert ist, dem jüngeren Pulikum einen Zugang zu ermöglichen.
Die Exposition nimmt die schwierige Position ein, den Zusehenden in das Geschehen zu verfrachten und, in diesem speziellen Fall, die Barriere zu durchbrechen, ohne Stimmen und ohne Farben auskommen zu müssen. Wer schon Stummfilme gesehen hat, der weiß, dass in ihnen mehr Bewegung von den Akteuren verlangt wird und ein klarerer Gesichtsausdruck, um die Unfähigkeit des Sprechens zu überspielen. Dieser Einstieg gelingt hier mittels einem geschickten Film-im-Film Szenario, an dessen Ende man die Crew versammelt sieht, um sich im Applaus zu sonnen. Doch, er bleibt aus. Scheinbar. Denn nach einem Kameraschwenk sieht man das begeisternd jubelnde Publikum, begleitet von der (fast) immer vorhandenen Hintergrundmusik.
Was in den 20 Minuten nach dieser Szene folgt, im Speziellen die Begegnung und Annäherung unserer beiden Hauptdarsteller, gehört mitunter zum Schönsten, was ich im Kino erleben durfte. Das liegt größtenteils an den beiden Charmebolzen, deren reine Präsenz es ermöglicht in der Leinwand zu versinken und einen sogar vergessen lässt, dass man einem stummen Schauspiel die Ehre erweist. Die zweite Film-im-Film Sequenz hat mich beinahe umgehauen, so wunderschön zeigt sich das Zusammenspiel von Darstellern, Musik und schwarz-weiß Bildern. In diesem Moment wusste ich, wieso er bislang 47 verschiedene Preise abgeräumt hat.
Schnell kommt der Tonfilm ins Spiel und mit ihm auch die dramatischen Elemente. Nach einer gelungenen Traumsequenz nahm die Qualität, für mich, stetig ab. Allerdings nach wie vor auf einem wahnsinnig hohen Niveau. Man driftet selten ins Grübeln ab und das vermehrte Auftauchen von Texttafeln lässt einen hie und da aus dem Film fahren. Hier hätte man sich gerne eine zeitgemäße Anpassung gewünscht. Außerdem vermisst man das Zusammenspiel des famosen Leinwandpaares, die jeder für sich eine grandiose Performance abliefern, aber zu Zweit einem die Schönheit und Leichtigkeit in Perfektion nahebringen.
Auch in der von mir betitelten “schwächeren” Phase, gibt es viel zu erleben, da die technische Umsetzung auf den ersten Blick einem 80 Jahre alten Film entspricht, aber beim genaueren Hinsehen gibt es wahnsinnig viele Spielereien zu entdecken, die mit der Möglichkeit des Stummfilms in der heutigen Zeit einhergehen. Trotz der dramatischen Elemente, kommt auch hier der Humor nicht zu kurz. Was vor allem an der dritten Hauptperson, dem Hund Jack, liegt.
Schlussendlich driftet das Schauspiel leicht ab und versteift sich auf die beschwerten Momente, die nicht die Stärke von den beschwingten, lustvollen Passagen erreichen. Doch das Ende naht mit einer Überraschung und der Zuschauer wird mit der Gewissheit entlassen, es einerseits geschafft zu haben einem Stummfilm zu folgen, und andererseits diesen mehr als stellenweise genossen zu haben.
Was macht the Artist so gut und warum sollten auch Jüngere einen Blick riskieren
Ich spiele Prophet und sage 6 Oscars für diese beeindruckende Produktion. Man kann argumentieren, es sei ein leichtes mit einem aus dem Zeitzusammenhang gerissenem Stummfilm zu punkten, aber diesen für die heutige Generation schaubar aufzubereiten, das gleicht einem Akt der Unmöglichkeit. Die Darsteller, und hier hole ich auch John Goodman ins Boot, strahlen etwas aus, das man in gesprochenen, gefärbten Filmen nicht erlebt, da dort der Fokus des Zuschauers abgelenkt wird. Die Anziehung, die man durch die Schauspieler erfährt ist (fast) beispiellos in der jüngeren Vergangenheit. Einzig Ziemlich beste Freunde vermag es dem nahezukommen, was die Fixierung auf formidable Darstellung betrifft.
Wenn die Texttafeln nicht wären, bei denen die Hälfte überflüssig ist, und die Musik in den ruhigen Momenten genauso überzeugend wäre, wie zu den lustigen, leichtfüßigen Zeiten, dann hätte man hier ein zeitloses Meisterwerk geschaffen. Stets im Hinterkopf behaltend, dass dies auch daher rührt, dass man Stummfilme nicht gewohnt ist. So hält man die Eintrittskarte zu einem wahnsinnig guten Film in Händen, der es in der Dramatik ab und zu übertreibt. Doch, und das betone ich gerne, was in den vergnügten Augenblicken geschaffen wurde, das ist die höchste Vollendung.
Nun zu den Jüngeren, zu denen ich mich auch zähle, die dem Ganzen durchaus eine Chance geben sollten, sofern sie sich in der Lage sehen, 100 Minuten Ruhe von der Welt zu ertragen. Wer im Kino gerne spricht, oder sich anderweitig ablenkt, dürfte wenig Chance haben, denn hier muss man sich darauf einlassen können. Was am Anfang nicht schwer fallen sollte, aber im hinteren Mittelteil gibt es ein paar Momente, in denen man nicht den Faden verlieren darf. Traut euch.
Dies ist die Faszination, die das Kino ausstrahlen kann, auch ohne Leinwand zerberstende Action, für die das heutige Kino gemacht zu sein scheint. Außerdem ist das nichts, was man sich runterlädt und zu Hause anschaut, wenn dort die Ablenkungen zu groß sind. Ins Kino setzen, anderthalb Stunden die Klappe halten und einfach genießen, was einem geboten wird.
Ich bin zwar nach wie vor kein Fan von Stummfilmen, aber ich bin Fan von diesem hier geworden. Die dramatischen Passagen gestrafft & die Musik in diesen angepasst, etwas mehr mit schwarz/weiß Kontrasten gearbeitet, die Texttafeln auf andere Weise untergebracht und den Schluss 30 Sekunden früher eintreten lassen, dann wäre dies einer meiner Lieblingsfilme geworden. So bleibt er, mit dem oben Erwähnten, der Beste des noch jungen Jahres.
Bennis kurzes Endfazit
Wunderschön.
Zum Schluss das Zitat der 65-jährigen Dame, die im Saal zu meiner Linken saß:
“Hach, der war schön. Müssmer gleich zu Hause runterladen.”
