Keine Toleranz gegenüber Intoleranz
Die Welt steht am Abgrund. Die alles entscheidende Frage ist, ob der nächste Schritt nach vorne, ins Verderben, oder nach hinten, ins langsame Verderben, geht. Es dauert nicht mehr lange bis der Mond auf die Erde stürzt, die Sonne verglüht, das Ozonloch die Menschen auffrisst und überhaupt geistert die Wirtschaftskrise in unseren Köpfen. Jetzt sollten wir, und mit wir meine ich “die”, dafür sorgen, dass sie dort bleibt. Es gibt wohl nichts, das weniger greifbar ist, als die Wirtschaft. Wer einen sicheren Job hat, bekommt davon gar nichts mit. Im Fernsehen demonstrieren die 99%, die Börsenkurse durchlaufen Berg- und Talfahrten, aber der Produzent von The Dark Knight Rises steht an seinem Panoramafenster, tätschelt den Hinterkopf seiner Assistentin, zündet sich eine Zigarre an – nicht mit einem Geldschein, das wäre zu altmodisch – mit einer in Benzin (E10) getränkten Elfenbeinschnitzerei und lacht. Lacht über die Menschen, die ihr letztes Geld für Schilder ausgeben. Mit Pappe, die seine Tochterfirma herstellt. Mit Sprüchen, die er mit seinem Monokel aus dieser Entfernung nicht lesen kann. Er lacht weil die Szenen, die sich dort abspielen, perfekt in seinen Film passen. Dort übernehmen gewalttätige Verbrecher die Stadt. Hier sind es die Nutznießer des Kapitalismus, die von oben auf die Welt blicken. Doch auch er muss nach einer 43 Stunden Schicht irgendwann nach Hause.
Handlung
Eric Packer ist so einer, dem der Kapitalismus in die Karten spielt. Der die Märkte analysiert. Der durch Spekulation Nullen auf sein Bankkonto bekommt. Nullen hinter der 1, deren Grundstein er irgendwann mit einer Entscheidung gelegt hat. Die Entscheidung für dieses Leben. Das Leben, von dem wir in Cosmopolis genau einen Tag mitbekommen.
Alles, was er möchte, ist seine Haare schneiden zu lassen. Auf dem Weg zu seinem Frisör gehen in seinem fahrenden Büro viele Leute ein und aus. Sein Arzt, seine Affäre, seine Analytiker und ein Rapper. Von außen hämmert die Bevölkerung auf die Limousine ein, doch das stört ihn nicht beim Philosophieren über die Welt und was sie im Innersten zusammenhält. Ihn stören nichtmal die zwei Stalker, die es auf ihn abgesehen haben. Doch die Todesdrohung des einen hätte er vielleicht ernst nehmen sollen…
Filmbeschreibung
Dieser Film gehört auf jeden Fall, ungeachtet jeder Bewertung, zu den ungewöhnlichsten, die dieses Jahr im Kino erschienen sind. Er basiert auf der gleichnamigen Novelle von Don DeLillo aus dem Jahre 2003, mit dem gleichen Plot, in der er der Welt einen Spiegel vorhalten will, um darauf hinzuweisen, dass es so nicht weitergehen kann. Und, wie wir heute wissen, sind diverse Seifenblasen tatsächlich geplatzt. Die Novelle selbst, auf die man zwingend eingehen muss, erinnert in seiner Ausführung sowohl an James Joyce´ Ulysses, als auch an die Vorlage zu American Psycho. Wer eine der drei Geschichten kennt, der versteht, warum ich ihnen das Prädikat schwer zu lesen verleihe. Schachtelsätze, ausufernde Beschreibungen, mit Fremdwörtern hochstilisierte Dialoge, sprunghaftes Anwenden von literarischen Stilen und das Brechen von Konventionen, was den geläufigen Mainstream im Geschichtenerzählen anbelangt. So viel dazu.
Die Verfilmung macht es sich leicht und übernimmt die bedeutungsschwangeren Dialoge, die schwer zu verstehen sind, wenn man nicht jeden Tag vor dem Aufstehen eine Stunde lang Shakespeare rezitiert. Oder Vergleichbares aus dem 21. Jahrhundert. Das mag für viele Zuschauer schon abschreckend wirken. Jedem Satz umgibt eine tiefere Bedeutung, die vom Zuschauer entschlüsselt werden will. Sei es in Form einer Metapher, einer Parabel, oder von aneinandergereihten Fremdwörten, die sich innerhalb sexueller Anspielungen verstecken. Und Sex ist auch der zweite Punkt, in den wir gleich tiefer eindringen werden. Zurück zu den Dialogen. Es sei echt davor gewarnt sich diesen Film anzusehen, wenn man nicht auf Dialoge steht, hinter deren Ecke man gerne Geheimnisse sucht und deren schweres Verständnis einen anstacheln sie tiefergehend zu analysieren. Wer schon bei Tarantino mit den Augen rollt, der sollte daher gewarnt sein, denn hier wurde Coolness durch Verschlüsselung ersetzt.
Bevor wir zum Sex kommen, muss ich noch weiter auf die Dialoge eingehen. Immerhin nehmen die den Hauptstellenwert des Stückes ein. Selbst wenn der gut geschnittene Trailer etwas anderes behauptet. Es wird immer geredet. Immer analysiert. Immer philosophiert. Sei es in der gepanzerten Limo, in der wir uns zum Großteil befinden, beim Gespräch mit seiner Frau, beim Sex mit zwei anderen Frauen, bei der Prostatauntersuchung, beim Frisör und auch Auge in Auge mit dem Kerl, der ihm eine Waffe an den Kopf hält. Eine Unterscheidung zwischen den Figuren wird nicht groß gemacht. Meistens sprechen sie von sich selbst, ihren Platz im Gefüge, oder von der Welt. Oder von Sex. Auch das ist alles höchst interpretatorisch.
Genauso wie die einzelnen Begebenheiten, die außerhalb der Limo ablaufen. Der Kuchenstalker entscheidet sich nicht für den Präsidenten, der in der Stadt ist, sondern wählt ihn als oberstes Ziel aus. Sein Lieblingsrapper stirbt und er zeigt zum ersten Mal richtige Gefühle. Die Revoluzzer werfen mit Ratten um sich, die von Eric als neue Währung empfohlen wurden. Keine schlechte Idee, denn je schlechter der Zustand der Welt, desto mehr Ratten bevölkern sie. Ihr seht, es gibt wahnsinnig viel zum Interpretieren.
Abseits dessen ist die Frage, inwieweit der Unterhaltungsfaktor das Publikum bei der Stange hält, das nicht auf die Dialoge abfährt. Oder auf das Publikum, das sich nicht mit der Wirtschaftskrise beschäftigt, oder nicht der Meinung ist, dass der oben beschriebene Produzent aus dem Fenster springen sollte, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Tja, solche Leute gucken in die Röhre. Und Röhrenfernseher werden bekanntlich nicht mehr hergestellt. Es wird einem sehr viel Skurriles geboten, aber hauptsächlich beschränkt sich auch das auf die Dialoge, wenn immer wieder auf eine asymmetrische Prostata hingewiesen wird. Was am Ende bleibt, für den Zuschauer, der eine gute Geschichte erzählt bekommen will, deren Anspielungen auf die wirkliche Welt im Hintergrund ablaufen, sind zwei Sexszenen, zwei Gewaltszenen und die Prostatauntersuchung, die ich ausnahmsweise mal nicht zu den Sexszenen zähle. Aber auch die haben nicht viel mit der gewohnten Erzählweise gemein, weshalb ich eingangs erwähnte, dass er zu den ungewöhnlichsten Filmen zählt.
Er lässt sich, wie ihr merkt, nicht mit wenigen Worten beschreiben, aber ein Großteil der Kinozuschauer, die vielleicht einmal im Monat ins Kino pilgern, wird entweder einschlafen, oder frühzeitig den Abflug machen. Es ist ungewohnte, schwer verdauliche Kost, die in etwa so gedreht wurde, wie die Novelle geschrieben. Hat zwar ein bisschen was von American Psycho, aber es fehlt die völlige Übertriebenheit, das asynchrone Zusammenspiel von Musik und Bild, den erfrischenden Gegensatz im Spiel von Christian Bale. Eben das, was aus einer unbequemen Vorlage einen filmischen Guss macht.
Bevor ich das gleich zusammenfasse, merke ich noch an, dass die Schauspieler ihre Arbeit gut machen, so wie die Rollen ausgelegt sind. Der Regisseur David Cronenberg (Eastern Promises, die Fliege) macht seine Arbeit im Szenenaufbau zwar gut, aber an der Überarbeitung der Vorlage zu einem Drehbuch für eine großes Publikum scheitert er, da die Dialoge 1:1 aus der Vorlage kopiert wurden. Die Hintergrundmusik von Howard Shore kann sich zu wenig abheben. Es klingt als hätte er bei Lycos dramatische Musik eingegeben und auf Seite 2 zugeschnappt, dass es keiner merkt.
Das war jetzt wieder viel theoretischer Text, aber falls euch das gefallen hat, dann könnte euch auch Cosmopolis gefallen, denn er zielt auf ein Publikum ab, das sich selbst gerne als intelligent bezeichnet, Mainstream-Konformität von vorneherein ablehnt und in vielen Dingen Verschwörung und Bedeutung sucht. Wenn ihr die Blechtrommel gelesen habt und meintet, das sei doch mal gut geschrieben, leicht zu lesen und wer das nicht kapiert, solle es bleiben lassen, dann ist eine Kinokarte fast schon Pflicht. Wenn das Kino mittlerweile nicht längst zu einem Ort verkommen wäre, in welchem die naive Unterschicht dem weltlichen Druck der wahren Herrscher entflieht. Oder kurz gesagt: Wer gerne interpretiert, ohne, dass eine gutgeschriebene Geschichte, oder ausgearbeitete Charaktere stören, der wird sich hier willkommen fühlen. Eine willkommene Abwechslung vom Einheitsbrei ist er allemal. Nur für 80% der 99% eben nicht gedacht.
Bennis Fazit
Wenn ihr euch mittlerweile fragt, wann ich endlich aufhöre zu schreiben, dann kann ich euch beruhigen, dass es bald vorbei ist. Ich muss sagen, dass mich solche Filme nerven. Filme, die sich selbst für wahnsinnig intelligent halten, weil nur wenige ihre wahre Bedeutung verstehen. Leute, soll ich euch was verraten:
Die besten Filme sind die, die unterhalten, aber die im Verborgenen noch genug Interpretationsmaterial mit sich bringen. Z.B. Matrix 1 und hier schreibe ich ausdrücklich 1. Er unterhält dank einer guten Story, guter Action, vieler neuer Ideen, bringt aber noch genug Denkanstöße mit, die die Zuschauer fesseln können. Allerdings überlagert das nicht das Geschehen, sondern kommt wie beiläufig daher. Wer Bock drauf hat, kann sich stundenlang darüber unterhalten. Wer keinen Bock hat, studiert die Moves ein, oder hackt sich in den Google+ Account eines Freundes.
Cosmopolis ist eine wandelnde Botschaft, die mit dem Vorschlaghammer immer und immer wieder auf einen einkloppt, bis man sich verinnerlicht hat, was der Film vermitteln will. Und trotzdem wird er sein Nischenpublikum finden. Eines, das genau darauf steht, wenn es das, was es denkt, in einem Film sieht. Doch auch hier sind die wahren Juwelen diejenigen, die nicht urteilen, sondern beschreiben und dem Zuschauer den Rest überlassen. Also genau das, was ich hier am Ende mal wieder versaut habe. So wie der Film sein Ende versaut hat, denn dieses entgegen der Vorlage offen zu lassen, ist unnötig und dann plötzlich wieder Mainstream, weil es eben so oft passiert.
Ich hoffe, ich hab euch einen Eindruck vermitteln können, denn Cosmopolis ist ein Streitthema.
Achja, selbst der Titel, der auf den Kosmopolitismus anspielt – wer hätte das gedacht – bietet viel Raum für Gedankenspiele. Denn was, wenn wirklich eine Elfe als Staatsoberhaupt eingesetzt wird? Im Gegenzug dazu steht der Wandalismus, die vernünftigere Variante von beiden. Und jetzt seid ihr gefragt. Interpretiert meine Süßen, interpretiert!
Seit heute neu auf milw.org und vielleicht irgendwann auf graphisch dargestellt: Meine eigene Bewertung
4/11



Eine in sich geschlossene Filmkritik.
Perfekt analysiert.
Kritisch gegenüber dem Film und auch selbstkritisch.
So macht man sich dem Leser gleich doppelt sympathisch;)
Ich gehöre zwar zu den Leuten, die diese Filme NICHT nerven und halte mich bestimmt nicht für wahnsinnig intelligent- aber wie schon gesagt, dieser Film SOLL nur 20% der 99% ansprechen, in meinen Augen jedenfalls. Er ist weder für die “Masse” gemacht noch gedacht.
Und dennoch stimme ich der Aussage zu, die unterhaltsamsten Filme sind jene; die einem die Botschaft nicht aufs Auge drücken sondern auf die Unterhaltung (in erster Linie jedenfalls); Wert legen.
Doch Cosmopolis liefert genau das, gerade wegen seiner Skurillität und seinem Metapherbombardement -eben auch genug ästhetische Unterhaltung.
Als Shakespeare-Fan in meinen Augen perfekt gelungen.
Mein Fazit zu Bennis Kommentar:
Ich weiß nicht woher du die Eingebungen für deine brillante Rhetorik nimmst, aber die Art wie du deine Kritiken schreibst, sprechen von wahrem Talent.
Ich verneige mich in Ehrfurcht vor Shakespeares Urururenkel;
Richard III
Ich danke dir mal wieder für deine wohlwollenden Worte, die den Anschein erwecken, ich selbst würde unter falschem Namen deine Kommentare schreiben.
Wer weiß, wie die Kritik ausgesehen hätte, wenn du ihn nicht gemocht hättest. So bedanke ich mich für den regen Austausch was Filme betrifft und die Denkanstöße, die sich mir dadurch ergeben. Glückwunsch, dass du zu den 20% gehörst, vor allem deswegen, weil du ansonsten ein noch größerer Stänkerer bist, als ich das im verbittertem Alter je werden kann.
Meine Eingebungen erhalte ich übrigens daher, dass ich nunmehr nicht nur RTL schaue, sondern auch zwei ProSieben Sendungen in meinen wöchentlichen Kanon aufgenommen habe. Einmal hätten wir da “Taff” und dann noch “We love Lloret”, kann ich beide nur empfehlen.
Und Verneigen muss nicht sein, ein Knicks genügt völlig.