Lolita (1962)

Ob jung, ob alt, ob blond, ob braun; Ja, ich liebe alle Frau´n. – Außer die alten.

Während es heute kein Geheimnis ist, dass man als Liebhaber von pubertierenden Mädchen zu einem Bubble-Tea Stand pilgern sollte, um seine Sehnsüchte zu stillen, sah die Situation in den 50ern und Anfang der 60er Jahre noch gänzlich anders aus. Die jungen Heranwachsenden waren meist in der Obhut ihrer Eltern oder ihres lieben Onkels, der Minirock wurde erst 1965 massentauglich und ohne großflächige sexuelle Aufklärung waren sich die liebreizenden Jungfrauen ihrer körperlichen Anziehungskraft gar nicht bewusst. Wie also seine Gelüste ausleben? Die Antwort lautete auch damals schon Gymnasiallehrer zu werden.
Der französische Literaturwissenschaftler Humbert Humbert, die Hauptfigur in dieser Romanverfilmung von Stanley Kubrick aus dem Jahr 1962, besitzt allerdings eine zu hohe akademische Bildung und wird nur an Universitäten angestellt. Nicht gerade deshalb, aber im Sinne einer Überleitung


Handlung

zieht er nach Amerika, um eine Stelle in Beardsley, Ohio, USA anzunehmen. Auf dem Weg dorthin macht er Urlaub in einem Gästezimmer der Witwe Charlotte Haze und lernt dort auch ihre 14-jährige Tochter Lolita kennen. Während Charlotte sich in Humbert verliebt, hat dieser nur Augen für die noch wachsenden Proportionen des kleinen Teenagers. Diese hat es nicht nur faustdick hinter den Ohren, sondern auch zwischen – ihr und Humbert wächst eine vorerst noch auf Gelegenheitsflirts beruhende Beziehung heran. Eine Beziehung, die ihre vor fehlender Zuneigung aufgebrachte Mutter nicht zu tolerieren weiß und ihre Macht als Erzieherin ausnutzt, um das kleine Gör in ein Feriencamp und damit aus ihrem Weg zu verfrachten. Ihr Plan scheint zu gelingen, denn Humbert willigt einer Heirat mit Charlotte ein, wähnt er sich auf diese Weise doch in baldiger Nähe zu seinem wahrhaftigen Ziel. Doch dieses Ziel hat er nicht alleine, denn auch Schriftsteller Clare Quilty (Peter Sellers) hat ein Auge auf dieses liebreizende Geschöpf geworfen.


Filmbefazitung

Wie dieses Duell ausgeht, wird bereits am Anfang verraten, denn der Film beginnt mit seinem inhaltlichen Ende und der in meinen Augen unterhaltsamsten Szene dieser Tragikomödie. Quilty, dessen Name von Romanautor Vladimir Nabokov nicht zufällig gewählt wurde, und Humbert stehen sich Mann gegen Mann gegenüber. Humbert wild entschlossen, Quilty völlig zugesoffen. Es ist herrlich mitanzusehen wie der Trunkenbold das Thema immer wieder auf scheinbare Belanglosigkeiten wie Tischtennis, einen Boxkampf, oder ein gemeinsames Lied zu richten versucht, da er sich entweder nicht mehr an Humbert erinnert, oder dies geschickt umspielt. Es wäre nicht die einzige Szene, in welcher Quilty den Schauspieler mimt und Humbert an der Nase herumführt, denn er kommt dem Herren schnell auf die Schliche, was dessen Beziehung zu Lolita anbelangt. Doch der Reihe nach.

Lolita ist die älteste Produktion auf der sieben Filme umfassenden Bluraybox mit Stanley Kubricks Arbeiten und wie so oft bei Kubrick eine Romanverfilmung, die so ganz anders ist als ihre Vorlage. Auf die Änderungen möchte ich trotzdem nicht groß eingehen und auch über Kubrick selbst werde ich an dieser Stelle nicht detailliert schreiben, da es einzig um diesen Film gehen soll.
Das Interessanteste, was mir an diesem Schwarzweißfilm aufgefallen ist, ist der Umstand, dass er auch gut ohne die Thematik der Liebe zur Jugend funktionieren würde. Er dreht sich vielmehr um die Liebe im Allgemeinen und all ihre vielfältigen Formen. Die Liebe in einer offenen Beziehung, die väterliche Liebe, die eifersüchtige Liebe, die unterdrückende Liebe, Liebe in sadomasochistischen Zügen, eine ausnutzende Liebe, eine zweckhafte Liebe, eine vorgetäuschte Liebe, eine zwanghafte, manische Liebe, die beherrschende Liebe, eine unterwürfige Liebe und, wenn man sich genau erinnert, zeigt er in keinem Fall eine ehrliche, gegenseitige, monogame Liebe. Vielleicht ist das genau der Grund, warum es dem Zuschauer nicht gelingt sich auch nur mit einer der Figuren zu identifizeren. Keine handelt nach einem Liebesbegriff, wie man ihn sich romantisch verklärt wünschen würde und je mehr wir von diesem Film gesehen haben, desto mehr dunkle Hintergründe über die Beziehungen der Charaktere türmen sich auf.

Kubrick arbeitet das Thema inszenatorisch sehr gemächlich ab, was für einen Kinogänger der heutigen Zeit fast schon langatmig daherkommen mag, nutzt die 150 Minuten Laufzeit aber auch vollends aus, was das sich wandelnde Bild seiner Hauptcharaktere betrifft. Erotik selbst wird zu keiner Zeit offen gezeigt, sollte man daher also keinesfalls erwarten, sondern spielt sich nur im Kopf des Zuschauers ab, der die vielen Anspielungen und wahnsinnig zweideutigen Dialoge dazu nutzt, die ausgelassenen Sexszenen für sich zu vervollständigen. Auch andere Schauwerte, wie Action oder Spannung kommen nur selten zum Vorschein, wobei es ein leichtes gewesen wäre aus Lolita einen waschechten Thriller zu machen. Stattdessen bekommt der Zuschauer Einblick in das trügerische, nach außen gerichtete Bild der Protagonisten. Dies wird unterstützt durch eine Symbolik, die er geschickt mit der Kamera einfangen lässt, so dass sie fast wie zufällig aufzutreten scheint. Aber eben nur fast, denn wenn Humbert auf dem Bett liegt, vor seinen Augen ein Revolver thront und er auf die Frage seiner Frau, ob er gerade an sie denkt, mit einem einfachen “Ja” antwortet, dann weiß der Zuschauer diese Konstellation direkt zu deuten.

So, genug der FAZ-Schwafelei. Mit einfachen Worten ist Lolita ein gelungenes Charakterporträt der verschiedenen Figuren, zeigt deutlich was es für Liebesarten gibt und weiß mit den zweideutigen Dialogen (besonders im englischen Original) zu unterhalten. Vor allem die Figur Quiltys bringt einen bei jedem Auftauchen zum Lachen. Es gibt einige Szenen, die in Erinnerung bleiben, aber besonders innerhalb der ersten Stunde und in den letzten 30 Minuten kommen gemächlichere Stellen vor, die nicht nur ADHS-Patienten für kurze Zeit ihren Blick schweifen lassen. Wer mit solchen Schauspielen vertraut ist, in denen alles langsamer angegangen wird als bei heutigen Actionstreifen, der sollte davon aber wenig bis gar nichts mitbekommen. Die schauspielerische Leistung ist wunderbar, und auch die musikalische Untermalung, sowie die Kameraarbeit kann man nicht beanstanden, aber dennoch hätte man, meiner Meinung nach, mehr aus diesem Film machen können. Zumindest in der heutigen Betrachtungsweise. Das Ende am Ende gelassen und mehr mit Thrillerelementen gearbeitet, dann hätte er mir persönlich noch besser gefallen. Was den Humor anbelangt, der sehr subtil rübergebracht wird, kann ich diesen überhaupt nicht beanstanden. Ein Beispiel:

Clare Quilty: Listen, didn’t you… didn’t you have a daughter? Didn’t you have a daughter with a lovely name? Yeah! A lovely… What was it now? A lovely, lyrical, lilting name, like, uh… uh…
Charlotte Haze: Lo-li-ta!
Clare Quilty: Lolita, that’s right, Lolita. Diminutive of Dolores, “The Tears and the Roses.”
Charlotte Haze: Wednesday she’s going to have a cavity filled by your Uncle Ivor.
Clare Quilty: Yes. Hahahahaha… Yes.

Wenn man jetzt noch weiß, dass cavity sowohl Zahnloch bedeutet – Ivor ist Zahnarzt -, als auch für eine andere Art von Loch stehen kann, dann sollte klar sein, wieso Quilty an dieser Stelle lacht und mir Humor und Dialoge gefallen haben.


Bennis Fazit

Für einen Film, der 50 Jahre alt ist, kann man ihn sich auch heute noch erstaunlich gut anschauen, was man selbst bei einigen 80er Jahre Werken nicht behaupten kann. Dennoch musste ich persönlich durch einige Längen gehen, aber die hat, wenn man ehrlich ist, auch The Dark Knight mit z.B. dem Ausflug nach Asien und der Wiederkehr von Scarecrow. Bis jetzt bereue ich den Kauf der Box nicht, von der ich vor dem Eintreffen bei mir nur Full Metal Jacket in voller Länge kannte, und die richtigen Kracher kommen erst noch. Wer mit den Kubrickfilmen etwas anfangen kann, also auch der zweiten Hälfte von Full Metal Jacket, der sollte Lolita ebenfalls gut schauen können. Wem nur die erste Hälfte des eben genannten Filmes gefällt, Psycho nicht gut fand, weil er schwarzweiß ist, sich nicht für die Liebe und all ihre Abarten interessiert, oder einen Film über Sex nur mit Sexszenen anschauen kann, der wird aller Voraussicht nach die meiste Zeit keinen Spaß mit Lolita haben. So wie Humbert Humbert.
Ich fand ihn gelungen, bin aber der Meinung, dass er durch eine Kürzung der ersten Stunde, und durch die beiden oben angesprochenen Änderungen, in der heutigen Zeit, in der nach Taxi Driver und Léon – der Profi das Thema kein mediales Tabu mehr darstellt, besser funktionieren würde.

Das Einzige, das relativ ist, ist das Wort “relativ”.

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Bewerte den Film mit 1-11 Sternen
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Über Benni

Ein gelernter Arbeitsloser, der für zwei Jahre als Chef-Arbeitsloser bei milw.org scheinbeschäftigt war, um nun wieder in seine alte Profession zurückzukehren. Endlich hat er noch mehr Zeit, um seiner Passion, dem RTL Schauen zu frönen. Außerdem zahlt der impotente Säufer leidenschaftlich Alimente für seine zahlreichen Kuckuckskinder und ist begeisterter Erfinder. Erst letztens entwickelte er ein eigenes Hartz VI - Gesetz, welches Arbeitslosen so viel Gehalt bescheinigt, wie sie in Bier innerhalb eines Monats trinken können. Es wird wohl nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir von diesem Mann gelesen haben. Sucht einfach mal im Anzeigenteil eurer Lokalzeitung unter "Wahlarbeitsloser Nichtduscher sucht neureiche, tatkräftige Businesslady als sexuell interessierte Haushälterin auf ohne Gehalt Basis"