Noblesse oblige
Seit meiner Kritik zu Moonrise Kingdom sind satte zwei Monate verstrichen und doch hat es die bedauernswerte Menschheit nicht für nötig gehalten den Begriff Liebe, und alles was ihn umgibt, zu entschlüsseln. Noch immer taumeln liebestrunkene Geschöpfe von einem Gasthaus zum anderen, um sich die Schmach einer Zurückweisung von der Kehle zu waschen. Und noch immer nutzen berechnende Kaufleute die Nachfrage nach ihren körperlichen Waren für einen besseren Lebensstil. Und noch immer stellt sich die allbesserwissende Kirche gegen eine steuerliche Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Ob ein Ende in Sicht ist, werden wir wohl erst in elf Jahren mit der Fertigstellung des E-ELT erleben.
Dabei kann ich diejenigen durchaus verstehen, die sich die Frage stellen, ob sie lieber 150 Euro für eine Professionelle ausgeben und von dieser einmal gemolken werden, oder ob man dieselbe Dame für je 50 Euro dreimal zum Essen einlädt und sich die Kuh danach ins Schlafzimmer stellt. Da wünscht man sich doch lieber 250 Jahre zurück, als die Wahl der Qual noch lautete: “entweder du bist was, oder du wirst nichts.” Und war man jemand von Ruhm und Stand, dann ging man zur Familie der Dame seiner Wahl, bot dieser Geld oder Land und wurde belohnt mit einer Hand. Oder einem Euter, um im Sprachjargon zu bleiben. Dies wurde dann wenigstens von der Kirche gebilligt.
Handlung
Unser titelgebender Antiheld ist ein irischer Landadeliger, der, nachdem er erkennt, dass Geld mehr wiegt als Liebe, aus seiner Heimat flüchtet und der britischen Armee als Soldat im Siebenjährigen Krieg dient. Nachdem er erkennt, dass Kugeln mehr wiegen als das Leben, flüchtet er erneut. Über Umwege gelangt er in die Dienste einer Person von Rang und Namen, wodurch er seine spätere Frau, Lady Lyndon kennenlernt. Von da an soll es die nächsten anderthalb Stunden nur noch bergab gehen, denn der Sohn und rechtliche Erbe seiner Gemahlin begegnet ihm mit Argwohn.
Filmbeschreibung
Die bisherigen Filme von Stanley Kubrick hatten gemein, dass sie anders waren, als man es sonst aus dem Kino gewohnt ist, dass man sich auf die Filme einlassen musste, um mit ihnen warm zu werden und dass sie audiovisuell hervorragend umgesetzt wurden. Barry Lyndon stellt den bisherigen Höhepunkt dieser drei Punkte dar. Drei Stunden Historienepos, verpackt als fiktive Biographie über die Titelfigur mit einer bis heute einzigartigen Umsetzung. Bei der audiovisuellen Gestaltung haben wir hier nicht weniger als ein Meisterwerk, in der besonders die Naturaufnahmen den Zuschauer glauben lassen, er befände sich in einem Museum und ginge an Gemälden des 18. Jahrhunderts vorbei. Von der Bildpracht her ein wunderschönes Filmerlebnis. Genauso was die musikalische Untermalung mit Fanfarenklängen und klassischer Musik betrifft, aber das ist man auch nicht anders gewohnt von den Werken Kubricks.
Nur leider kann die Geschichte, die hier erzählt wird, nicht ganz mit der Brillanz für Auge und Ohr mithalten. Wer die obenstehende Handlung liest, der wird kaum auf die Idee kommen den Film deswegen mit vor Vorfreude zittrigen Händen in den DVD-Player zu legen. Und manch einer wird bei einer Laufzeit von 184 Minuten verschreckt auf seine Konfirmandenblase verweisen und das sprichwörtliche Weite suchen. Und es sind schlichtweg diese beiden Punkte, die allen eine Warnung sein sollten, die nicht allzu viel mit Historiendramen oder Kostümfilmen anfangen können.
Während die erste Filmhälfte – erneut mit dem Einwurf verbunden, sich darauf einlassen zu müssen – mit seiner ironisierten Art für einige Lacher sorgen kann, sind die zweiten 90 Minuten ein stärkeres Eingeständnis an das Genre des Dramas. Besonders der Sprecher aus dem Hintergrund gibt dem Schauspiel einen satirischen Anstrich, wenn er z.B. erzählt, dass selbst er nicht in der Lage ist, zu erklären, worum es im Siebenjährigen Krieg überhaupt ging. Oder wenn dieser erwähnt, dass man als Liebhaberin von Männern in Uniform sich auf viele Personalwechsel im zwischenmenschlichen Berreich gefasst machen musste. Und auch mit der Aussage, dass Barry und Lady Lyndon sich nun seit sechs Stunden kennen und damit verliebt seien, brachte der Film mich zum Lachen. Ebenso könnte ich die beschwingte Musik erwähnen, die abgespielt wird, während im Bild Männer von damals modernen Waffen niedergestreckt wurden. Insgesamt also die Art Humor, die mir an den Filmen Kubricks so toll gefällt.
Dann beginnt der zweitel Teil des Stückes mit den Worten “Teil II – Enthält einen Bericht über das Unglück und die Katastrophen, welche Barry Lyndon widerfuhren” und durch den direkten Umschnitt auf seine Hochzeit kommt es zum nächsten subtilen großen Lacher. Danach gibt es leider nur noch wenig humorvolles zu bestaunen und es schleichen sich vermehrt größere Längen ein, die mit belanglosen Begebenheiten aus dem Leben von Barrys Stiefsohn und dessen Halbbruder gefüllt werden. Das Unglück nimmt seinen Lauf, bis es zur hier unerwähnten Katastrophe kommt. Wiedermal ummalt von gelungenem Einsatz von Musik und Bildern.
Wenn ich belanglose Begebenheiten schreibe, dann sind diese für eine Interpretation des Werkes durchaus nicht belanglos, aber was Unterhaltung anbelangt, reißen sie den gierigen Zuschauer nicht vom Hocker. Da auch zu diesem Film unzählige Seiten an Abhandlungen geschrieben wurden, werde ich mich nicht auf eine tiefergehende Analyse einlassen und erwähne nur, dass es u.a. um Themen wie Krieg, Liebe, Individualismus im System und um die Frage geht, was einen Menschen zu dem macht, was er ist. Wenn man sich als Zuschauer für diese Fragen interessiert, etwas mit historischen Kostümfilmen anfangen kann und wem die Erzählung nicht so wichtig ist, wenn Bildsprache und musikalische Komposition im Einklang sind, dann muss man Barry Lyndon gesehen haben, denn er ist auf seine Weise einzigartig. Wer sich nach dieser Kritik zumindest vorstellen kann einen Blick darauf zu werfen, der kann das gerne mit der ersten Hälfte tun. Falls man sich damit schon schwer tut, sollte man Barry Lyndon als 90 minütigen Abgesang auf den Adel abtuen und bei der Szene mit dem Zauberer ausschalten. So die milw´sche Gebrauchsanweisung.
Bennis Fazit
Die erste Hälfte fand ich trotz des Themas erstaunlich unterhaltsam, was besonders an der erwähnten Verwendung des Erzählers lag. Auch die malerische Gestaltung der Hintergründe war schön anzusehen und jedesmal wenn erwähnt wurde, dass Barrys Mitstreiter der bessere Mann für dessen Angebetete sei, weil er Geld für sie zahlen könne, dann musste ich erneut schmunzeln. Doch spätestens nach zwei Stunden war der Film einfach zu lang und bot nicht mehr viel Neues. Die herauszoomenden Kamerafahrten auf die wunderschön eingefangenen Hintergründe kannte man nun schon lange genug und die Geschichte gab ebenfalls nicht mehr viel her. Trotzdem waren die anfänglichen anderthalb Stunden mal was anderes und haben es geschafft mich zu unterhalten. Den Rest würde ich mir jetzt nicht unbedingt nochmal ansehen.
Ich kann verstehen, wieso man die Ausstattung, die Aufmachung und die künstlerische Umsetzung lobt, aber ob ihn das zu einem der 250 besten Filme aller Zeiten macht, ist eine streitbare Frage. Auch wenn er zweifelsfrei eines der schönsten filmischen Erzeugnisse ist. Für mich persönlich der bislang schwächste Kubrick und ich kann ebenfalls verstehen, wieso man diesen Film langweilig findet und irgendwann aufgegeben hat. Würde dieser Film in der heutigen Zeit als Überraschungsfilm im Kino laufen, dann würden sehr viele Zuschauer das Ende nicht miterleben. Trotzdem sollte man die erste Hälfte allein wegen der wahrlich schönen Umsetzung einmal gesehen haben.
Was haben Politiker und eine Montgolfière gemeinsam?
- Durch heiße Luft geht’s steil nach oben.

